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Sonntag, März 13, 2011

Willkommen und Abschied

Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde!
Es war getan fast eh gedacht;
Der Abend wiegte schon die Erde
Und an den Bergen hing die Nacht
Schon stand im Nebelkleid die Eiche
Ein aufgetürmter Riese, da,
Wo Finsternis aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.

Der Mond von einem Wolkenhügel
Sah kläglich aus dem Duft hervor;
Die winde schwangen leise Flügel
Umsausten schauerlich mein Ohr
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer
Doch frisch und fröhlich war mein Mut
In meinen Adern welches Feuer!
In meinen Herzen welche Glut!

Dich sah ich, und die milde Freude
Floß von dem süßen Blick auf mich;
Ganz war mein Herz an deiner Seite
Und jeder Atemzug für dich.
Ein rosafarbenes Frühlingswetter
Umgab das liebliche Gesicht,
Und Zärtlichkeit für mich - ihr Götter!
Ich hofft es, ich verdient es nicht!

Doch, ach schon mit der Morgensonne
Verengt der Abschied mir das Herz
In deinen Küssen welche Wonne!
In deinem Auge welcher Schmerz!
Ich ging und du standst und sahst zu Erden
Und sahst mir nach mit nassen Blick:
Und doch welch Glück geliebt zu werden!
Und lieben, Götter, welch ein Glück!

von Johann Wolfgang von Goethe

"Dein Tür ist immer offen, Alte... warum ist das so?" fragte die Kleine.
"Das ist für die, die wirklich hier gewohnt haben und wiederkommen" antwortete die Alte und schlug sich dabei mit der Hand auf die linke Brust.
Die Kleine wollte gerade zu "Kommt denn überhaupt... " ansetzen, als die Tür aufschwing und ein langhaariger bärtiger Mann eintrat und sich an den Tisch setzte.
Die Alte lächelte nur.

Dienstag, Februar 08, 2011

Rückkehr, Teil II

"Wo warst du, Kleine?", fragt die Alte - dann erst betrachtete sie sie näher.
Es war gerade keine Zeit solche Fragen zu stellen.
Die Narben und die noch nicht verheilten Wunden sprachen eine eindeutige Sprache.
"Stell dich zu mir, Kleines - in das Auge des Sturms."

"Du hast mich angelogen, Alte. Alles wird gut, hast du gesagt."

Die Alte betrachtete die Kleine eine Weile. Dann seufzte sie. Es war keine Zeit für Vorträge. Keine Zeit für eine Gardinenpredigt. Keine Zeit für eine weitere Lektion.
Noch nicht.
Jetzt war Zeit für Wahrheiten.

"Nein, Kleines. Ich habe nicht gelogen, aber du bist erst die Hälfte der Strecke gegangen. Der eigentliche Weg ist viel länger. Und manchmal fühlt es sich an, als wäre man noch gar nicht los gegangen. Bist du aber und jetzt bist du bei mir."

So standen sie da - beide im Auge des Sturm. Die Kleine mit traurigen Augen
und die Alte mit einem leichten Lächeln. Sie wußte, was kommen würde.




Montag, Juli 24, 2006

In der Zeit der großen Hitze...

können seltsame Dinge passieren, sagte die Alte.
Ich weiss, lächelte die Kleine. Aber es ist nicht die Zeit des El Nino - dieses Mal sind die Dinge gut.
Sie hat recht, dachte die Alte. Verdammt nochmal, sie hat recht! Und lächelte ebenfalls.

Mittwoch, Juli 05, 2006

Die Zeit ist reif

Komm!, sagte die Alte, wir müssen los - die Zeit ist reif. Die Kleine eilte ihr nach. Wo wollen wir hin? Sie erreichen den Fluss. Ist es so weit?, flüstert die Kleine. Sieh gut hin, sagt die Alte. Sie trieben an ihnen vorbei - aufgequollen, im Stadium der fortgeschrittenen Verwesung und begleitend von einem ekelerregenden Geruch, den die Kleine nie vergessen würde. Was ist mit ihnen passiert?, fragte die Kleine angewidert. Nichts, erwiderte die Alte und zuckte mit den Schultern - sie sind, wie sie schon immer waren. Dann drehte sie sich zu der Kleine, packte sie an den Schultern und schaute ihr prüfend in die Augen. Jetzt kannst du sehen, was die ganze Zeit da war und was du nicht sehen konntest oder wolltest.
Und kann man ihnen denn nicht helfen?, fragte die Kleine bittend.
Die Alte lächelte - die Zeit war zwar reif, aber das Herz war nicht hart geworden. Sie hatte gute Arbeit geleistet. Sie schüttelte den Kopf. Sie waren schon immer so und du kannst das nicht ändern. Die Kleine begriff und nickte - sie tun mir leid.
Die Alte seufzte. Ich weiss. Dann drehten sie sich um und gingen heim.

Dienstag, Juni 06, 2006

Gutenachgeschichte

Es gibt Narben, die heilen nie, sagte die Kleine.
Tun sie, sagte die Alte und hob ihr Hemd. Irgendwann tun sie es. Es muss nicht jetzt sein, du hast ein Lebenlang Zeit. Und irgendwann werden auch ihre Leichen an dir vorbeischwimmen.
Bei dem Gedanken daran fröstelte die Kleine.